In Bulgarien offenbart der Winter erbarmungslos, wer zu den Priviligierten gehört und wer zu den Benachteiligten und Randständigen. Denn Frieren, Zurückbleiben und Warten auf bessere Zeiten sind hier ein häufiges Trio.

Eine schmerzhafte Entscheidung

In den letzten 25 Jahren hat es in Bulgarien eine grosse demographische Verschiebung gegeben: Seit der Auflösung der Sowjetunion und dem Ende des Kommunismus sind viele Menschen der jüngeren Generation auf der Suche nach Wohlstand in die inländischen oder ausländischen Städte ausgewandert. Zurück bleiben, vor allem auf dem Land, viele ältere Menschen. Im südbulgarischen Dorf Bratsigovo beispielsweise ist das Dorfbild im Sommer geprägt von Seniorinnen und Senioren, die zusammen oder alleine unter den schattigen Bäumen und Vordächern Schutz suchen. Die junge Generation scheint zu fehlen.

two person talking while standing near wall
Photo by Cristina Gottardi / Unsplash

Für diese "Zurückgebliebenen" ist das Leben nicht einfach: Die staatliche Rente beschränkt sich auf ein Minimum und wirtschaftliche Tätigkeiten sind in einem Umfeld mit geringer Kaufkraft ebenfalls nur ungenüged möglich. Wenn schliesslich der kalte Winter in Bulgarien einbricht, stehen die Seniorinnen und Senioren vor einer schmerzhaften Entscheidung: Sollen sie besser frieren oder doch lieber hungern? Denn Verpflegung und Heizmittel gleichzeitig sind zu teuer. So kommt es oft zur Situation, dass Senioren die Ausgaben balancieren oder sich für das eine oder andere Übel entscheiden müssen. Dazu kommen auch Unterhaltskosten und Medikamente, für die irgendwie aufgekommen werden muss.

Ein kaltes Heim

Völlig ohne Entscheidungsmöglichkeit, aber ebenfalls ganz auf Unterstützung des Staates angewiesen, sind die vielen Kinder in den Waisenheimen Bulgariens. Als Institutionen aus der Sowjetzeit "vererbt" bekommen, gehören Kinderheime heute noch immer zu den problematischen Einrichtungen Bulgariens. Die Idee, dass der Staat sich um Kinder sorgt, wenn sie irgendein Problem aufweisen, war im kommunistischen Regime erwünscht. Heute jedoch wirkt diese Mentalität gegen eine langfristige Lösung der Missstände.

empty room with bed frames
Photo by Hoshino Ai / Unsplash

Auch in einem Waisenheim konnte es für lange Zeit vorkommen, dass man im Winter friert, wenn das Geld des Heims für Heizkosten nicht mehr reichte. Dank der Förderung durch die EU sind diese infrastruturellen Schwierigkeiten mittlerweile mehrheitlich gelöst. Doch das war auch nie das grösste Problem der Kinderheime. Die meisten Kinder wurden von ihren Eltern verstossen, zurückgelassen, abgegeben: Entweder aus wirtschaftlichen Gründen oder weil die Kinder eine physische oder psychische Behinderung haben. Sie sind oft ab der Trennung traumatisiert und die Heime versagen darin, der seelischen Verkümmerung entgegenzuwirken.

Barfuss durch den Schnee

Dieser Ort gehört zu den wenigen in Europa, in denen die Kinder auch im Winter noch barfuss herumlaufen. Kaum wo anders in Europa ist die Kindersterblichkeit so hoch, besonders im Winter sterben die Roma-Kinder an einfachen Infektionen wie der Grippe. Die Rede ist von Nadhezda, einem Roma-Ghetto in der bulgarischen Stadt Sliwen. In der kommunistischen Zeit wurden solche Viertel eingerichtet in der Bemühung, die Roma sesshaft zu machen. Die Siedlungen stehen noch, mittlerweile befindet sich in Sliwen eine Mauer um das Ghetto. Sie sollte vor dem Verkehrslärm schützen, was jedoch eine scheinheilige Fürsorge ist: In Bulgarien steigt der Hass auf die Roma stetig an und die Bemühungen zur Integration gestalten sich schwierig.

group of children standing on grass field during daytime
Photo by Siddhant Soni / Unsplash

Verantwortlich dafür — neben der gesellschaftlichen Stigmatisierung — ist einerseits die patriarchalische Struktur unter den Roma: Die Patriarchen verweigern ihren Kindern die Bildung, weil sie sich von den Bulgaren betrogen fühlen und verheiraten ihre Töchter schon mit 14 Jahren. Andererseits sind es das Betteln und kriminelle Geschäfte, die unter den Roma weit verbreitet sind und mit einer geregelten Arbeit konkurrieren. Leid tragen diejenigen — besonders jungen — Roma, die gerne ausbrechen würden und denen auf diese Weise keine Perspektive für die Zukunft bleibt, als in die Mühlen des Bettelns und der Kriminalität zu geraten.

Augen auf und Schritte tun

Solchen Randgruppen gilt das Augenmerk von Heart for Bulgaria (dt: Herz für Bulgarien), dem Arbeitszweig von FCTrelief in Bulgarien. Auch wenn nicht flächendeckend allen Benachteiligten in Bulgarien geholfen werden kann, so sind die Augen doch auf Hilfe und Unterstützung von Menschen aus diesen Gruppen ausgerichtet. Sei es beispielsweise das Holzhacken für ältere Menschen im südlichen Bratsigovo im Sommer, damit sie im Winter genügend Brennholz haben. Auch letzten Sommer halfen wieder mehrere Duzend Jugendliche eines internationalen Jugendcamps auf Initative von Heart for Bulgaria bei den Vorbereitungen auf den Winter. Einer der Einsätze war unter anderem bei einer Roma-Seniorin im Roma-Viertel von Bratsigovo.

Teilnehmer eines europäischen Jugendcamps hacken Holz für ältere Menschen in Bratsigovo.

Die Unterstützung von Roma ist nur vereinzelt möglich, da Roma oft einfach um Geld betteln, aber selber keine Veränderung ihrer Situation anstreben. Doch Heart for Bulgaria hält Ausschau nach Menschen — auch unter den Roma—, die eine Veränderung suchen und auf eine Gelegenheit warten.

Ein anderes Beispiel für den Einsatz von Heart for Bulgaria ist die Anstellung von fünf Seniorinnen, um einerseits deren magere Rente aufzubessern; andererseits, um den Kindern in einem Waisenheim in der Stadt Pazardzhik ein wertschätzendes und vollständig betreuendes Gegenüber zu geben. Auch war Heart for Bulgaria schon an Renovationen und Ausstattungen beteiligt. Beispielsweise wurde in diesem Winter im Haushalt einer Seniorin ein Boiler ersetzt.